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Myanmar – Rückschau, Vorschau

Eigentlich wollte ich jetzt nach Vietnam Myanmar aufbereiten, weil ich noch nichts dazu geschrieben hatte und weils dann chronologisch dranwäre. Beides vor der Unfallpause. Aber leider ist meine Festplatte schon zu Hause, weil ich sie in Cairns im Hostel vergessen hatte und die sie zu meinen Eltern geschickt haben. Und ohne Fotos fang ich jetzt nicht an mit Myanmar, denn das war richtig gut und ich hab viele tolle Bilder. Reich ich also nach, ganz am Schluss.

Hier ein kleiner Appetizer. Eins meiner Lieblingsbilder.

Rückblick Vietnam 2 – Lektionen von Cormac McCarthy

Every step you take is forever.

CORMAC MCCARTHY, No Country for Old Men

In Ho Chi Minh City kann man sehr preiswert Bücher kaufen. Für ein, zwei Euro das Stück. Natürlich kopiert, schlechte Qualität. Die vietnamesische Frau kommt an den Tisch und hat einen riesigen Stapel Bücher in der Hand. Und fast jedes ist eins, dass ich immer schon mal lesen wollte. Viele davon verfilmt. Beatliteratur, Klassiker undund. Ich kaufe Kerouac „On the Road“, weils ein Muss ist, Hunter S. Thomson: „Fear and Loathing in Las Vegas“, weil, weil halt Gonzo Journalismus und generelle Weirdness und Cormac McCarthy: „No Country for Old Men“.

On the Road heisst der Blog und klar kommts daher und ich hab das Buch zu Hause, aber ich kam noch nicht dazu, es zu lesen. Erste Lektüre. Natürlich ein Zeitdokument und sprachlich neu für die Zeit, beat poetry, ein Dahintreiben auf drei Reisen durch die USA und das Zelebrieren des Subversiven und der Reiselust. Als erstes, Avantgarde. Fear and Loathing ist das selbe nur viel schneller, auf Drogen, auf allen Drogen, die es gibt. Zum Totlachen. Beides großartig.

Aber was mich wohl am meisten kriegt, ist McCarthy. Schon die Verfilmung von „No Country for Old Men“ von den Coen-Brüdern hat mich so erwischt und dumm stehenlassen, weil der „Held“ plötzlich einfach tot ist und weil die zentrale Konfrontation, auf die alles zulief, einfach ausgespart wurde. Bis ich kapiert hab, dass es die Geschichte die des Sheriffs ist, des old man, der diese Welt nicht mehr versteht.

Im Flugzeug seh ich noch „The Conselor“, für den McCarthy das Drehbuch geschrieben hat. Und auch hier wieder sein zentrales Thema:

Jemand trifft eine Entscheidung und die hat Folgen. Und man kann sich noch so wünschen, diese rückgängig machen zu können und bitten und betteln und kämpfen und tun. Handlungen bleiben bestehen.

Every moment in your life is a turning and every one a choosing. Somewhere you made a choice. All followed to this. The accounting is scrupulous. The shape is drawn. No line can be erased.

CORMAC McCARTHY, No Country for Old Men.

 

Counselor: Will you help me?
Jefe: I would urge you to see the truth of the situation you’re in, Counselor. That is my advice. It is not for me to tell you what you should have done or not done. The world in which you seek to undo the mistakes that you made is different from the world where the mistakes were made. You are now at the crossing. And you want to choose, but there is no choosing there. There’s only accepting. The choosing was done a long time ago… Are you there Counselor?

CORMAC McCARTHY, The Counselor

Ziemlich simple Wahrheit eigentlich, aber hier mit einer Konsequenz präsentiert, die diese Wahrheit nochmal sehr plastisch herausarbeitet.

Well, lets not get to philosophical.

Am letzten Abend in Ho Chi Minh City warte ich mit den Jungs auf meinen Bus. Also ich warte auf den Bus, denn ich will mit einer Motorradtruppe drei Tage durch Hochland von Vietnam, als Beifahrer. Die Jungs wollen Motorräder kaufen und selbst fahren. Sie verhandeln mit zwei anderen, die ihre Motorräder verkaufen wollen. Noch 40 Minuten. Die anderen beiden treffen zufällig einen Typ, den sie unterwegs getroffen haben. Der will auch ein Motorrad verkaufen. Noch 30 Minuten. Drei Jungs ohne Motorrad, drei mit Motorrad. Noch 20 Minuten. Und zwei Figuren auf zwei noch gesunden Schultern, die in zwei Ohren flüstern. Noch 5 Minuten. Der Bus fährt ohne mich. Und am nächsten Tag lerne ich in Ho Chi Minh City wie man mit Schaltung eine 110 Kubik Maschine fährt.

1100 km bis Hanoi. Geiler Plan. Geile Zeit. Wahnsinn.

Wir verlieren Brian an der ersten Kreuzung und treffen ihn erst am nächsten Tag wieder. Wir rasen durch die Nacht mit Tausenden anderer Motorräder über Schlaglöcher, so tief wie Krater, und Rollsplitt und Sand und von hinten rauschen hupend Busse und Trucks vorbei und jeder Fehler ist der letzte. Aber das interessiert nicht mit dem Wind im Gesicht und dem abgeknickten Handgelenk. Roadstop mit Suppe und Hängematte.

Nächster Stop Mui Ne mit Ben und Marion aus Frankreich, mit denen ich wenig später in Ho Chi Minh noch einige Zeit verbringen werde. Ganz liebe Leute.

Weiter geht es durch den Dschungel und das Hochland nach Da Lat. Gefährlicher Trail und mühselig. Mit dem ein oder anderen Sturz. Wir machen nicht mehr als 60 km am Tag. Und schließlich schmiert mein Motorrad ab, dabei hat es mich gute 120 Euro gekostet, haha. Reparieren würde dauern und kosten und die Jungs wollen weiter. Und ich hab die Option mich mit meinem Kumpel Lahrini in Myanmar zu treffen.

Also trennen wir uns und es geht zurück nach Saigon. Wo ich auf ein Motoradtaxi steige, uns jemand die Vorfahrt nimmt und ich mir das Schultereckgelenk sprenge.

Tossi/Rockwood 3 diagnostiziere ich mit Röntgenbild und Hilfe der Doc Beckers Olli, Christopher und Hans-Paul per Ferndiagnose. Ich googele die beste Praxis in Ho Chi Minh und hole mir die Bestätigung.

Kann man operieren, kann man auch ruhigstellen. Aber für ein paar Wochen. Aber operieren in Vietnam? Oder nach Thailand? Oder heim?

Ich wills nicht abbrechen jetzt. Ich google den Lebenslauf des potentiellen Operateurs und die Klinik. Die Versicherung zahlt und die Klinik sieht aus wie ne Privatklinik in Grünewald. Marmor und ein Mann am Flügel, der zur Belustigung der Patienten in der Lobby spielt. Ich lass mich operieren.

Es läuft alles gut. Ich vegetiere eineinhalb Wochen in meinem Hotelzimmer in Saigon. Ich brauche Hemden. Mit Knöpfen. Und ein Rollgestell für meinen Rucksack. Ich schwitze wie ein Schwein. Ich gucke fünf Filme am Tag und trinke Shakes. Meinen Flug nach Myanmar hatte ich schon lange gebucht. Das Visum hatte ich gar nicht im Kopf. Denke schon ich muss nach Bangkok fliegen, weil das der einzige Platz ist, wo man es an einem Tag bekommt. Aber ein Reisebüro um die Ecke macht mir das Visum in drei Tagen klar. Mark, mein Kollege, der schon in Myanmar ist, würde beim Kofferschleppen helfen.

Mein Arm schwillt ab und etwas drückt von Innen gegen meine Haut. Ein Metallstift, den der Operateur eingebaut hat. Ist heute nicht mehr die angenagteste Operationsmethode, um es vorsichtig zu formulieren. Der andere vietnamesische Arzt sagt, das sei normal. Ich fliege nach Myanmar. Das Timing stimmt aber nicht und meine Kofferträger sind schon weiter.

Ich erzähle von Myanmar mehr an anderer Stelle, hier muss die Geschichte zu Ende erzählt werden.

Entscheidungen haben Folgen. Ich kaufe ein Motorrad, ich steige auf ein anderes Motorrad, ich lass mich operieren, ich reise weiter. Ich lerne jemanden kennen und begleite ihn in ein Bergdorf in Myanmar, 11 Stunden Schotterpiste. Ich fotografiere weiter, obwohl ich meinen Arm ruhighalten soll. Die Fotos werden richtig gut. Die Konstruktion im Arm geht kaputt und der Nagel durchsticht meine Haut und guckt gute drei Zentimeter raus. Ich überstehe zwei Tage im Hochland mit Ibuprofen 1000ern und Rum. Zwei Tage später in Bangkok ist der Arm entzündet und vereitert und ich denke immer noch, man kann das vielleicht so lassen, weil die Stifte sollen ja drinbleiben, wegen der Stabilität und der zusammengenähten Bänder und ein Thaiarzt schüttelt nur den Kopf über die misslungene vietnamesische Konstruktion, aber Thais sprechen nie Klartext. Doc Becker schon: Stift ist entzündet, Arm it entzündet, Knochen kann sich entzünden, Bänder sind sowieso wieder gerissen und Konstruktion ist gescheitert. also alles raus damit und so schnell wie möglich. Und gut, dass der Stift nicht in die andere Richtung gewandert ist, Richtung Lunge oder Herz. Danke, Klartext!

Die Frau von der Versicherung sagt, wenn ich nicht stationär in Behandlung bin, wird ein Rücktransport nicht bezahlt. Ich schicke ihr die Fotos. Sie ruft zwei Stunden später an und hat einen Flug für drei Tage später gebucht.

Auf dem MRT findet der Prof in Köln keine Bänder mehr, die er zusammen kriegen könnte. Wahrscheinlich sind noch Bakterien im Arm. Jetzt aufmachen bringt nix, kann man auch später machen, wenn es muss. Krankengymnastik hilft erst mal und nach einem Monat geht die Reise weiter – mit Rollkoffer und Deuserband.

Und einer hochstehenden Clavicula und einer 7cm Narbe. I am not complaining. All in the Game! Und wenn jemand fragt, was passiert ist, ist die Antwort: VIETNAM! Fast die Wahrheit.

Scars have the strange power to remind us that our past is real. The events that cause them can never be forgotten.

CORMAC MCCARTHY, All the Pretty Horses