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Rückblick – Vietnam 3: Asiatische Kids und Fremdsprachen

Nur kurz eine Bemerkung aus fremdsprachendidaktischer Sicht.

Ich hatte schon geschrieben, dass ich mich sehr gewundert habe über die – zumindest aus meiner subjektiven Erlebenswelt und Sicht – relativ schlechten Englischkenntnisse der Japaner. Gründe hatte wir auch schon diskutiert. Inselmentalität, fehlende Notwendigkeit (?), viel wichtiger aber Schüchternheit und Angst Fehler zu machen und das Gesicht zu verlieren, vor allem aber auch die Fremdsprachendidaktik, die sich scheinbar noch immer an Auswendiglernen und Musterlösungen und Standardsätzen und -floskeln orientiert und von teils selbst schlecht ausgebildeten Nichtmuttersprachlern betrieben wird.

In anderen asiatischen Ländern, gerade in den touristischen Destinationen ist das Level wesentlich besser, wenngleich das wahrscheinlich in irgendwelchen ländlichen Gebieten dann wieder anders ist.

Worauf ich hinaus will ist: Der Ansatz ist immer ein kommunikativer. Klar, einige stammeln ihre üblichen Verkaufsfloskeln und ja klar, mit dem Grund etwas zu verkaufen. Aber in Myanmar z.B. spricht mich ein ca. 15-16 jähriges Mädchen an und will Bücher verkaufen. Wir quatschen ein bisschen und sie spricht fließend Englisch. Ich frag sie, wo sie das gelernt hat, in der Schule? Nein. Ausschließlich durch Gespräche mit Touristen. What!? Richtig krass. Am liebsten hätt ich ihr gleich das Studium finanziert, denn die war richtig aufgeweckt, aber wegen boyfriend und der Notwendigkeit die Familie finanziell zu unterstützen scheint ihr weg in Myanmar leider ein bisschen limitiert.

In Ho Chi Minh geh ich die Straße am Park entlang und überall sitzen Gruppen von Jugendlichen, die Touristen ansprechen und sie bitten, ob sie nicht fünf oder zehn Minuten einfach Englisch mit ihnen sprechen könnten. Einfach so, aus Interesse, zum Üben. Sprechen, sprechen, sprechen mit Muttersprachlern oder anderen Touristen.

Man stelle sich mal vor, meine 10te Klasse hockt sich in Trier auf den Hauptmarkt und bittet französische oder englische Touristen einfach mal 10 Minuten mit ihnen zu reden. Not gonna happen.

Ich setz mich also mit denen hin, 7-8 Leute, und ich soll erzählen, wo ich herkomme und was ich mache und dann dürfen alle Fragen stellen und ich frage zurück. Ist echt lustig und interessant.
Und neben dem Sprachlernen gibts gleich noch Landeskunde und kulturelle Unterschiede und so dazu. Und die Themen die interessieren, nicht die aus dem Lehrbuch.

Ganz oben auf der Agenda: Zwischenmenschliche Beziehungen in verschiedenen Kulturen. Dass man in Deutschland so spät oder gar nicht heiratet und Kinder bekommt ist ein Riesenthema. Für die vietnamesischen Jugendlichen war das in weiten Teilen sehr erstrebenswert, sehen sie sich doch da dem Druck ihrer Elterngeneration ausgesetzt, zu heiraten und eine Familie zu gründen, haben auf der anderen Seite die ganzen rolemodels aus der westlichen Medienwelt und in Ho Chi Minh auch die Chancen einer aufstrebenden Ökonomie, sich anders zu verwirklichen.

In Afrika, wo mich in Kenia auch einige Jugendliche baten, mit ihnen Englisch zu sprechen, ist dieses Lebensbild noch viel schwerer nachvollziehbar. Über 21 unverheiratet und kinderlos zu sein, ist da für viele schwer vorstellbar.

Zurück nach Vietnam. Was immer auch Thema ist, weils in diesem Hinblick wohl auch nur ganz wenig Aufklärung gibt, ist Sexualität. Da wird dann gegickelt und gegrinst, aber das wollen die Kids da genauso wissen wie überall, und das Internet gibt ihnen da scheinbar Einblick in eine Welt, die vielen als reine Fiktion erscheint. Wie ist das mit One-Night-Stands in Europa. Selbstbestimmte Sexualität von Frauen? Große Augen. Oralverkehr? Igittigitt.

Mein Kumpel Ed hatte die gleichen Gespräche in China und der ca. 30 Jahre alte Lehrer stellte die meisten Fragen 😉

In vielen afrikanischen Ländern, ist die Vorstellung, dass die Frauen beim Sex auch Freude haben könnten komplett neu, insbesondere bei den Frauen.

Und so sind diese Gesprächsrunden nicht nur lustig und interessant, sondern aus sprachdidaktischer Sicht pures Gold und darüber hinaus im Idealfall auch noch mit nem kulturellen Austausch jenseits von Vorurteilen und Klischees und nem emanzipatorischen und im Zweifelsfall sogar politischen Unterton gesegnet.

Und die wollen was lernen, das ist ja so geil, wenn man zu Hause in der Schuhe manchmal gegen Wände labert.

Ich werfs ja keinem vor. War in der Schule ja auch keine Sprachleuchte. Mein Englisch kommt doch außer den Basics dann auch zu 70% aus Filmen und Songs, dem Interesse an der amerikanischen Populärkultur und Reisen und Kommunikation mit Leuten. Eben!

Und da alle Deutschen angeblich so gut Englisch sprechen is ja auch mal ein Mythos. Manchmal hört man das und es gibt ja auch viele, die richtig gut sprechen. Aber die breite Masse ja nun auch nicht. Und so krieg ich dann sogar manchmal zu hören ich spräche aber gut – für einen Deutschen, hahaha. Naja, immer noch besser als Franzosen, Spanier oder Italiener ;.)

Am Ende krieg ich sogar noch einen Schal geschenkt, aus Dankbarkeit für die Zeit, die ich geopfert hab. Dankeschön.

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Rückblick Vietnam 2 – Lektionen von Cormac McCarthy

Every step you take is forever.

CORMAC MCCARTHY, No Country for Old Men

In Ho Chi Minh City kann man sehr preiswert Bücher kaufen. Für ein, zwei Euro das Stück. Natürlich kopiert, schlechte Qualität. Die vietnamesische Frau kommt an den Tisch und hat einen riesigen Stapel Bücher in der Hand. Und fast jedes ist eins, dass ich immer schon mal lesen wollte. Viele davon verfilmt. Beatliteratur, Klassiker undund. Ich kaufe Kerouac „On the Road“, weils ein Muss ist, Hunter S. Thomson: „Fear and Loathing in Las Vegas“, weil, weil halt Gonzo Journalismus und generelle Weirdness und Cormac McCarthy: „No Country for Old Men“.

On the Road heisst der Blog und klar kommts daher und ich hab das Buch zu Hause, aber ich kam noch nicht dazu, es zu lesen. Erste Lektüre. Natürlich ein Zeitdokument und sprachlich neu für die Zeit, beat poetry, ein Dahintreiben auf drei Reisen durch die USA und das Zelebrieren des Subversiven und der Reiselust. Als erstes, Avantgarde. Fear and Loathing ist das selbe nur viel schneller, auf Drogen, auf allen Drogen, die es gibt. Zum Totlachen. Beides großartig.

Aber was mich wohl am meisten kriegt, ist McCarthy. Schon die Verfilmung von „No Country for Old Men“ von den Coen-Brüdern hat mich so erwischt und dumm stehenlassen, weil der „Held“ plötzlich einfach tot ist und weil die zentrale Konfrontation, auf die alles zulief, einfach ausgespart wurde. Bis ich kapiert hab, dass es die Geschichte die des Sheriffs ist, des old man, der diese Welt nicht mehr versteht.

Im Flugzeug seh ich noch „The Conselor“, für den McCarthy das Drehbuch geschrieben hat. Und auch hier wieder sein zentrales Thema:

Jemand trifft eine Entscheidung und die hat Folgen. Und man kann sich noch so wünschen, diese rückgängig machen zu können und bitten und betteln und kämpfen und tun. Handlungen bleiben bestehen.

Every moment in your life is a turning and every one a choosing. Somewhere you made a choice. All followed to this. The accounting is scrupulous. The shape is drawn. No line can be erased.

CORMAC McCARTHY, No Country for Old Men.

 

Counselor: Will you help me?
Jefe: I would urge you to see the truth of the situation you’re in, Counselor. That is my advice. It is not for me to tell you what you should have done or not done. The world in which you seek to undo the mistakes that you made is different from the world where the mistakes were made. You are now at the crossing. And you want to choose, but there is no choosing there. There’s only accepting. The choosing was done a long time ago… Are you there Counselor?

CORMAC McCARTHY, The Counselor

Ziemlich simple Wahrheit eigentlich, aber hier mit einer Konsequenz präsentiert, die diese Wahrheit nochmal sehr plastisch herausarbeitet.

Well, lets not get to philosophical.

Am letzten Abend in Ho Chi Minh City warte ich mit den Jungs auf meinen Bus. Also ich warte auf den Bus, denn ich will mit einer Motorradtruppe drei Tage durch Hochland von Vietnam, als Beifahrer. Die Jungs wollen Motorräder kaufen und selbst fahren. Sie verhandeln mit zwei anderen, die ihre Motorräder verkaufen wollen. Noch 40 Minuten. Die anderen beiden treffen zufällig einen Typ, den sie unterwegs getroffen haben. Der will auch ein Motorrad verkaufen. Noch 30 Minuten. Drei Jungs ohne Motorrad, drei mit Motorrad. Noch 20 Minuten. Und zwei Figuren auf zwei noch gesunden Schultern, die in zwei Ohren flüstern. Noch 5 Minuten. Der Bus fährt ohne mich. Und am nächsten Tag lerne ich in Ho Chi Minh City wie man mit Schaltung eine 110 Kubik Maschine fährt.

1100 km bis Hanoi. Geiler Plan. Geile Zeit. Wahnsinn.

Wir verlieren Brian an der ersten Kreuzung und treffen ihn erst am nächsten Tag wieder. Wir rasen durch die Nacht mit Tausenden anderer Motorräder über Schlaglöcher, so tief wie Krater, und Rollsplitt und Sand und von hinten rauschen hupend Busse und Trucks vorbei und jeder Fehler ist der letzte. Aber das interessiert nicht mit dem Wind im Gesicht und dem abgeknickten Handgelenk. Roadstop mit Suppe und Hängematte.

Nächster Stop Mui Ne mit Ben und Marion aus Frankreich, mit denen ich wenig später in Ho Chi Minh noch einige Zeit verbringen werde. Ganz liebe Leute.

Weiter geht es durch den Dschungel und das Hochland nach Da Lat. Gefährlicher Trail und mühselig. Mit dem ein oder anderen Sturz. Wir machen nicht mehr als 60 km am Tag. Und schließlich schmiert mein Motorrad ab, dabei hat es mich gute 120 Euro gekostet, haha. Reparieren würde dauern und kosten und die Jungs wollen weiter. Und ich hab die Option mich mit meinem Kumpel Lahrini in Myanmar zu treffen.

Also trennen wir uns und es geht zurück nach Saigon. Wo ich auf ein Motoradtaxi steige, uns jemand die Vorfahrt nimmt und ich mir das Schultereckgelenk sprenge.

Tossi/Rockwood 3 diagnostiziere ich mit Röntgenbild und Hilfe der Doc Beckers Olli, Christopher und Hans-Paul per Ferndiagnose. Ich googele die beste Praxis in Ho Chi Minh und hole mir die Bestätigung.

Kann man operieren, kann man auch ruhigstellen. Aber für ein paar Wochen. Aber operieren in Vietnam? Oder nach Thailand? Oder heim?

Ich wills nicht abbrechen jetzt. Ich google den Lebenslauf des potentiellen Operateurs und die Klinik. Die Versicherung zahlt und die Klinik sieht aus wie ne Privatklinik in Grünewald. Marmor und ein Mann am Flügel, der zur Belustigung der Patienten in der Lobby spielt. Ich lass mich operieren.

Es läuft alles gut. Ich vegetiere eineinhalb Wochen in meinem Hotelzimmer in Saigon. Ich brauche Hemden. Mit Knöpfen. Und ein Rollgestell für meinen Rucksack. Ich schwitze wie ein Schwein. Ich gucke fünf Filme am Tag und trinke Shakes. Meinen Flug nach Myanmar hatte ich schon lange gebucht. Das Visum hatte ich gar nicht im Kopf. Denke schon ich muss nach Bangkok fliegen, weil das der einzige Platz ist, wo man es an einem Tag bekommt. Aber ein Reisebüro um die Ecke macht mir das Visum in drei Tagen klar. Mark, mein Kollege, der schon in Myanmar ist, würde beim Kofferschleppen helfen.

Mein Arm schwillt ab und etwas drückt von Innen gegen meine Haut. Ein Metallstift, den der Operateur eingebaut hat. Ist heute nicht mehr die angenagteste Operationsmethode, um es vorsichtig zu formulieren. Der andere vietnamesische Arzt sagt, das sei normal. Ich fliege nach Myanmar. Das Timing stimmt aber nicht und meine Kofferträger sind schon weiter.

Ich erzähle von Myanmar mehr an anderer Stelle, hier muss die Geschichte zu Ende erzählt werden.

Entscheidungen haben Folgen. Ich kaufe ein Motorrad, ich steige auf ein anderes Motorrad, ich lass mich operieren, ich reise weiter. Ich lerne jemanden kennen und begleite ihn in ein Bergdorf in Myanmar, 11 Stunden Schotterpiste. Ich fotografiere weiter, obwohl ich meinen Arm ruhighalten soll. Die Fotos werden richtig gut. Die Konstruktion im Arm geht kaputt und der Nagel durchsticht meine Haut und guckt gute drei Zentimeter raus. Ich überstehe zwei Tage im Hochland mit Ibuprofen 1000ern und Rum. Zwei Tage später in Bangkok ist der Arm entzündet und vereitert und ich denke immer noch, man kann das vielleicht so lassen, weil die Stifte sollen ja drinbleiben, wegen der Stabilität und der zusammengenähten Bänder und ein Thaiarzt schüttelt nur den Kopf über die misslungene vietnamesische Konstruktion, aber Thais sprechen nie Klartext. Doc Becker schon: Stift ist entzündet, Arm it entzündet, Knochen kann sich entzünden, Bänder sind sowieso wieder gerissen und Konstruktion ist gescheitert. also alles raus damit und so schnell wie möglich. Und gut, dass der Stift nicht in die andere Richtung gewandert ist, Richtung Lunge oder Herz. Danke, Klartext!

Die Frau von der Versicherung sagt, wenn ich nicht stationär in Behandlung bin, wird ein Rücktransport nicht bezahlt. Ich schicke ihr die Fotos. Sie ruft zwei Stunden später an und hat einen Flug für drei Tage später gebucht.

Auf dem MRT findet der Prof in Köln keine Bänder mehr, die er zusammen kriegen könnte. Wahrscheinlich sind noch Bakterien im Arm. Jetzt aufmachen bringt nix, kann man auch später machen, wenn es muss. Krankengymnastik hilft erst mal und nach einem Monat geht die Reise weiter – mit Rollkoffer und Deuserband.

Und einer hochstehenden Clavicula und einer 7cm Narbe. I am not complaining. All in the Game! Und wenn jemand fragt, was passiert ist, ist die Antwort: VIETNAM! Fast die Wahrheit.

Scars have the strange power to remind us that our past is real. The events that cause them can never be forgotten.

CORMAC MCCARTHY, All the Pretty Horses

 

Vietnam US-Imperialismus Konsumkritik McDonaldisierung Streetart Banksy

wir hatten hier mal ne kontroverse von wegen kriegsursachen und -zusammenhänge, (fehlendes) hintergrundwissen, streetart undundund. kann auch auf facebook gewesen sein.

und weils grad thema war im letzten post – geschmacklos, intelligent oder plump?

 

Banksy: „You can´t beat the feeling“ (Coca Cola Werbeslogan) vs. Nik Ut: „Napalm Girl“

 

für mich: clever, provokativ und vielschichtig.

andere meinungen willkommen.

herr paul hats glaub ich nicht geblickt, sorry. kodierung in der postmoderne funktioniert dann doch ein bisschen mehrdimensionaler und subtiler als so.

Gerhard Paul urteilt über die Version „Can’t beat the feeling“ (etwa: „Du kannst das Gefühl nicht schlagen“) des Street-Art-Künstlers Bansky, auf der das schreiende Mädchen zwischen Mickey Mouse und der Werbefigur von McDonalds montiert ist: „Als globales Symbol steht Kim Phúc damit gleichrangig zwischen zwei zentralen Werbeikonen des Jahrhunderts. Sie erscheint auf den Status einer Werbefigur degradiert.“

http://www.welt.de/geschichte/article114225870/Die-ganze-Story-um-das-Foto-vom-Napalm-Maedchen.html

vielleicht etwas näher dran:

„The popular corporate symbols, hailing from the United States, have beaming smiles that contrast with the horror and pain of the young girl’s weakened frame. It seems as though Ronald and Mickey are complicit in the destruction they leave in their wake, while they lead this young person astray, into an oblivion of market-led deception and future wars.“

http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fi.huffpost.com%2Fgen%2F1692650%2Fthumbs%2Fo-CANT-BEAT-THE-FEELING-900.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.huffingtonpost.com%2F2014%2F04%2F24%2Fmcdonalds-protest-art_n_4981799.html&h=567&w=900&tbnid=2j-66vnvANeY7M%3A&zoom=1&docid=S5eloNZTQGZ5AM&ei=fgqkU8WcCImWuAT0lIKgDg&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=2367&page=1&start=0&ndsp=23&ved=0CCMQrQMwAQ

ich denk nochmal nach über gewinner und verlierer, ideologien, ikonen und beiße in meinen burger, in ho ho ho chi minh city in der sozialistischen republik vietnam 😉

Rückblick Vietnam 1 – Ho Chi Minh, Kriegsmuseum und Cu Chi Tunnel

Ich nehme den Nachtbus von Siem Reap nach Ho Chi Minh City, dem ehemaligen Saigon. Morgens fallen alle aus den engen Betten und ich mache schnell Freunde mit Romain aus Frankreich und Brian aus Schottland. Einer der vielen schreienden Taxifahrer düst mit uns dreimal im Kreis und liefert uns dann fuer viel zu viel Geld beim Hostel eines Bekannten ab. Wir kennen halt die Preise noch nicht, weil alle kläglich uninformiert sind. Beim Dreierzimmer feilschen wir dann aber wie die Wilden und alles wird gut, nach einer großartigen Suppe. Das lokale Essen in Vietnam kann schwierig sein, wie wir erfahren werden, als wir schlau sein wollen und uns in ein mit Einheimischen gut besetztes Lokal setzen. Wo die essen, muss es ja gut sein. Allerdings stehen auf dem lokalen Speiseplan auch jede Menge Innereien und knochiges Fleisch. Die Suppen jedoch sind großartig. Man erhält dazu ein riesiges Tablett mit allen möglichen Kräutern und Grünzeug und kann nach Belieben alles in die Suppe werfen, die ohnehin schon gut gewuerzt ist. Ho Chi Minh pulsiert und erinnert stark an Bangkok. Insbesondere das Backpackerviertel nähert sich der Kao San Road, mit jeder Menge preiswerten Ess- und Trinkgelegenheiten und Partylockrufen. Ich prophezeie mal, dass das in den nächsten Jahren noch mehr durch die Decke gehen wird. Zumindest in Südvietnam und insbesondere in Saigon. Im Norden, also insbesondere in Hanoi, soll es noch anders, weil traditionell kommunistisch geprägt und weniger westlich orientiert und touristisch geöffnet. Bis dorthin werde ich es ja leider nicht schaffen, um dies selbst zu überprüfen.

Zu Vietnam gehört im kulturellen Gedächtnis natürlich immer der Vietnamkrieg als letzte Konsequenz aus den vorangegangenen, nicht so präsenten Kriegen. Meist aus Amiperspektive vorgetragen und oft auch kritisch verarbeitet in Kriegsfilmklassikern wie „Apocalypse Now“, „The Deer Hunter“, „Platoon“, „Full Metal Jacket“ oder „Good Morning, Vietnam!“, oder im  Hintergrund in „Forrest Gump“ oder als Karikatur in „The Big Lebowski“. Aber natürlich ist der Krieg auch in Vietnam noch präsent und wird in Ho Chi Minh City, der nach dem Vietcongführer umbenannten Stadt, im War-Museum aus unverhohlen vietnamesisch-kommunistscher Sicht propagandistisch aufbereitet.

Während das Erdgeschoss mit kommunistischer Propaganda und Solidaritätsadressen der kommunistischen Bruderstaaten gefüllt ist, werden die Schrecken des Krieges in den oberen Stockwerken explizit und teils nur schwer erträglich ausgestellt. Auch die beiden vielleicht ikonischsten Fotos des Krieges, die die kritische Stimmung in den USA und die Antivietnamkriegsbewegung mit etablierten werden hier im Original ausgestellt. Die Exekution eines Vietcong auf offener Straße von Eddie Adams (http://www.welt.de/politik/article1618993/Ein-ganzer-Krieg-auf-einer-einzigen-Fotografie.html) und das nackte Mädchen mit den Brandwunden nach einem Napalmangriff von Nick Ut, das mit dem World Press Photo Award 1972 und Pulitzer Preis 1973 ausgezeichnet wurde (http://www.zeit.de/2008/24/Fotograf-Nick-Ut). Dazu das Versprechen eines US-Generals, Vietnam zurück in die Steinzeit zu bomben.

Diese Fotos sind im Vergleich harmlos zu einigen Fotos die hier ausgestellt werden und die ich hier ausspare. Und so einseitig die Kriegsaufarbeitung hier auch ausfallen mag, spätestens im 2. Stock, bei den Auswirkungen des Einsatz von Agent Orange und Napalm kann man das nachvollziehen. Hier werden großformatig Fotos entstellter Säuglinge und behinderter Kinder mit schlimmen Mutationen ausgestellt. Wirklich nur schwer erträglich. Am interessantesten und austariertesten ist die oberste Etage mit einer Sonderausstellung zu Kriegsreportern aus aller Welt, die im Vietnamkrieg gestorben sind und ihren Fotos sowie ihren Geschichten. Unter ihnen auch die von Robert Capa, der im Ersten Indochinakrieg auf eine Landmine trat und starb.

Allerdings fehlt auch hier oft die kritische Distanz zur Kriegsfotografie und Kriegsberichterstattung und der Schwerpunkt liegt auf den persönlichen Schicksalen und der Schreckensinszenierung.

Dazu mal querlesen, wer will:

http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73169/kriegsberichterstattung?p=all

http://www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208413/default.aspx

http://www.welt.de/geschichte/article114225870/Die-ganze-Story-um-das-Foto-vom-Napalm-Maedchen.html

 

Weil wir grad so drin sind im Thema, beschließen Romain, Brian und ich uns die Cu Chi Tunnel anzusehen, das berühmte Tunnelsystem, mit dem der Vietcong seine Versorgungswege sicherte und die Tetoffensive antrieb. Wie kommen wir dahin? Klar, mit nem Moped. Denn das macht hier jeder. Im Vergleich zu allen anderen asiatischen Städten hat HCMC eine noch einmal höhere Mopeddichte. Absolut wahnsinnig. Sie stehen in 10ner Reihen an den Kreuzungen. Das fahren is ne Herausforderung, aber auch ein unglaublicher Spass. Weil so viel los ist, gehts auch nur langsam voran und it Automatik ist das recht simpel. Aber trotzdem Wahnsinn. Meine Festplatte is leider schon zu Hause, da hab ich noch ein gutes Video wie alle durcheinander fahren.

Wir müssen ein gutes Stück fahren und sind viel zu spät und uns bleiben 15 Minuten zum gucken. Wir quetschen uns durch ein Tunnelstück und gucken uns die rambomässigen, gruseligen und grausamen Dschungelfallen an. Für einen mittelgroß gewachsenen Europäer kaum nachvollziehbar, wie man eine konzertierte Kriegsoffensive durch dieses Tunnelsystem starten kann. Hier lebt die Vergangenheit noch, wie auch sonst überall im Land, wo man überall politische Botschaften im sozialistischen Stil findet.

Soviel zur Kriegsberichterstattung. Hier wurde eine Idee geboren, die sich noch als fatal erweisen würde.